
Wir sind drei Autorinnen:

© Carmen Oberst
Marita Lamparter schaut sich die Menschen genau an. Sie erzählt davon in Dorfgeschichten aus Westfalen und Stadtgeschichten aus Ottensen.

© Carmen Oberst
Renate Langgemach kann in ihren Romanen einen Hang zu in Schieflage geratenen Verhältnissen nicht verbergen.

© Carmen Oberst
Susanne Neuffer erzählt von Leuten, die sich und andere gern täuschen und meist unruhig unterwegs sind.
Liebe Blog-Lesende,
beim (Arbeits-)Frühstück im Wendland kam das Thema Sichtbarkeit auf. Wie sichtbar sind wir, wollen wir sein im Alltag, in unserer Generation? Kann es sein, dass wir ein Problem mit unserer Sichtbarkeit im Literaturbetrieb haben? Möglich.
Wir sind eher analog gestimmt - mal von diesem Blog und unseren klappernden Laptops abgesehen. Die Vorstellung, uns täglich auf einer Plattform die Haare zu bürsten, dabei verheißungsvoll in die Kamera zu schauen und lässig mit dem eigenen Buch zu wedeln … geht es vielleicht auch anders?
Wir haben uns Gedanken gemacht über das Thema, und die Gedanken sind erfreulich unterschiedlich ausgefallen, nachzulesen in unseren „Restorfer Texten“.
Wir waren im heißen August in Restorf, eine erste Lesung gab es im Literaturcafé Schnacken und Schmökern in Gartow, am nächsten Tag las Susanne bei den Dömitzer Leseorten.
Es waren zwei wunderbare Tage.

Susanne Neuffer
Sichtbarkeit
In alten Geschichten – Märchen, Abenteuern – gibt es eine Fähigkeit, die einem alles ermöglicht. Sie existiert noch in Videospielen, Computerspielen: die Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen. Alles geht, wenn man unsichtbar ist.
Ich gehe durch die Räume der anderen, stehe hinter ihnen beim Abendessen, befriedige meine Neugier, schleiche mich in Machtzentralen, stehle Unterlagen, zeichne Geheimgespräche auf, gleite mit der Security aus der elektronisch gesicherten Tür. Ebenso ungesehen schlüpfe ich ins Quartier der analogen Widerstandsbewegung und lege meine Beute dort auf den Tisch. Macht was damit.
Ach so, es ging um Sichtbarkeit. Ist Sichtbarkeit das Gegenteil von Unsichtbarkeit? Ich bekomme ein KI-gestütztes Angebot, das mir und meinen Büchern zu mehr Sichtbarkeit verhelfen will. Eine verdächtig schöne Sophia behauptet, alle meine Bücher gelesen zu haben, zitiert mich fast perfekt und findet, es mangle mir an Sichtbarkeit. Sie hat da einiges zu bieten: Videos auf allen Kanälen, Homestories und Interviews, auf jeden Fall teuer und vermutlich unwirksam. Auch meine Kolleginnen bekommen diese Angebote, mal von einem attraktiven Bob, mal von einer mütterlich strengen Agata, natürlich mit USA-Adresse. Dort haben sie sich also Sorgen um die Sichtbarkeit deutscher Autorinnen gemacht.
Bin ich sichtbar genug? Im Alltag sicher. Mangels der Ability-Card „Unsichtbarkeit“ muss ich mich auf dem Markt und im Einkaufszentrum sehen lassen, empfinde meine Unauffälligkeit (ich werde gerne verwechselt und mit dem falschen, aber ähnlichen Vornamen angeredet) als Vorteil.
Aber im Literaturbetrieb. Was will ich eigentlich? Gute Verkaufszahlen und drängelnde Verlagslektoren wären nicht schlecht. Lesungen, zu denen man dringlichst gebeten und in deren Verlauf man aufmerksam betreut und versorgt wird, ja gerne. Talkshows und Interviews vor laufender Kamera? Mit unsortierten Gedanken, die sich erst nach der Sendung ordnen, leider wieder strähnigen Haaren und immer zu roten Backen. Dazu ausgestattet mit einer langjährig erworbenen Ungeschicklichkeit – ich würde garantiert das Glas des Moderators umwerfen und chaotisch in meinen Blättern wühlen – ach, muss nicht sein.
Was will ich wirklich? Lesende, in deren Köpfen meine Geschichten herumspuken, die nach einem Buch auch das nächste lesen wollen und es günstig im Netz bestellen (meinetwegen). Einen Elektriker, der zu mir sagt: „Schon komisch, was Sie da so schreiben, aber meine Frau mag das.“ Einen Zufallsfund in einer dänischen Bibliothek, wo ich mich im Regal „Deutsche Literatur“ unter N finde. Eine Frau, die im Zug mein Buch liest, nicht weiß, dass ich ihr gegenüber sitze, und die irgendwie grinst, als habe sie etwas wiedererkannt.
Du bist zu bescheiden, sagt K. Du könntest mehr aus dir machen. Nein, kann ich nicht. Ich sitze da und schreibe, und wenn die Welt was von mir will, soll sie kommen. Wenn ich nicht gerade unsichtbar bin, mache ich die Tür auf. Ich wollte ja sowieso zum Briefkasten und die Bewerbung um den Heidelinde Hüttenkötter-Gedächtnispreis einwerfen ...
Marita Lamparter
Sichtbarkeit
Nein, ich möchte nicht fotografiert werden. Auf keinen Fall. Seltsam, Peters Mutter ließ sich nur ungern fotografieren. Ich bin nicht fotogen, so ihre Ausrede. Ich sehe auf Fotos immer komisch aus. Ja, weil du dich so verrenkst. Sei doch mal ganz natürlich. Dann wirst du auch gut aussehen. Später jammerte dieselbe Mutter darüber, dass es so wenig Fotos von ihr gäbe, eines Tages würde sich keiner mehr an sie erinnern können. Wo doch die ganze Welt voller Fotos sei. Peter fiel diese Episode ein, als er an das Fotografieren mit Handy von heute dachte. Die jungen Eltern dokumentieren sprichwörtlich jeden Schritt ihrer Kinder. Einmal schickte ihm seine Nichte ein Video vom kleinen Sandro. Der Kleine, ins Spiel vertieft, baut eine Burg aus Legosteinen, bunt und groß. Seine Wangen glühen. Die Stimme der Mutter ist zu hören: Sandro, guck mal! Sandro schaut zunächst etwas verärgert, dann ringt er sich blitzschnell ein Fotolächeln ab. So ist er wieder schnell beim Spiel, er ist an diese Unterbrechungen gewöhnt. Das Video wird an alle Verwandten geschickt. Beim letzten Treffen mit seiner Schwester stöhnte sie leise auf: Meine Enkel sind süß, aber täglich bekomme ich über 30 Fotos von ihnen. Es sind einfach zu viele. Aber wenn ich nicht reagiere, riskiere ich ein Beleidigtsein. Außerdem denke ich an die Omas, die keine Bilder bekommen.
Am Abend trifft sich Peter mit Ingrid auf der Piazza in Ottensen, einem neu geschaffenen kleinen Plätzchen. Hier soll der Asphalt wieder entfernt werden, viel Grün und Bänke geschaffen zum analogen Austausch. Ein großes Schild verspricht mit neuen Baumaßnahmen ein kleines Paradies. Die Tische in den Lokalen rundherum sind alle besetzt, da stehen einige Gäste auf, Peter und Ingrid sind gleich zur Stelle. Das Training des Großstadtlebens. Die junge Kellnerin trägt ein schwarzes T-Shirt und man könnte sagen, sie hat so eine Art Strumpfhose an, nichts und alles zeichnet sich unter der hautengen Hose ab. Ingrid ist über sich selber erschrocken, als sie sagt, so eine hübsche junge Frau, so verunstaltet. Dieses Puppengesicht, extralange Wimpern, aufgeplusterte Lippen. Kurz taucht vor Ingrid ein Foto auf, sie selber in den Siebzigern mit Minirock und dramatischem Augen-Makeup. Ein Internetgesicht, sagt Peter. Mein Schönheitsideal ist von gestern, die natürliche Schönheit, ohne viel Make up. Joan Baez. Ein richtiges Gesicht. Keine Puppe. Die junge Kellnerin bringt die Getränke, sie spürt, dass über sie geredet wurde. Das machen alle Gäste Ü55 hier. Sie straft die beiden mit einem betont kurzen Satz: Eure Getränke. Am Nebentisch serviert sie mit Lächeln und freundlichen Sätzen und sogar mit einem Lasst es euch schmecken!

Kunst, KI und kognitive Dissonanz
Reste aus Restorf

Marita:
Frühstück in der Küche in Restorf. Es ist ein heißer Tag. Nachher soll es noch an den See gehen. Marita hat in frühen Morgenstunden Monika Helfer gelesen. Die Jungfrau. Das Buch stand im Regal vom Schnacken und Schmökern: Zum Mitnehmen. Wie fandest du das Buch? Ich habe es in einem Rutsch gelesen. Es löst Faszination aus, aber auch ein leises Abstoßen. Wenn Literatur sich so nahe an das Eigenste heranwagt, wird sie nicht zu einer bloßen Enthüllung, sondern zu einer Prüfung: Darf man so viel von sich, so viel von anderen preisgeben? Könnte ich das auch? Hätte ich nur Hemmungen? Geht es darum, zu schockieren, um gehört zu werden?
Renate:
Herr W. möchte sich nicht an einem bestimmen Charakter vergreifen. Deshalb äußert er seine Beobachtungen sehr verallgemeinert. Er erzählt von einem Herrn K., der ihm wiederum berichtet, er sei zehntausendvierhunderteinunddreißig Mal gesehen worden. Dafür verbringe er einen beträchtlichen Teil des Tages in einem Raum vor einem Bildschirm, arbeite mit Text- und grafischen Bausteinen, verändere Fotos von sich auf einnehmende Weise und übertrage die Ergebnisse seiner Arbeit in ein unsichtbares Feld. Am Ende des Tages schaue er zur Belohnung einen Film. Sein Körper sei erschöpft von all dem. Aber er werde sich daran gewöhnen.
Susanne hat an diesem Morgen noch keine eigenen Ideen, sie zitiert Mathias Greffrath: (in Essay und Diskurs am 12.4.2026, DLF)
Ich lese hier einen zukunftsweisenden, allerdings auch leicht utopischen Funken. Denn, was kann das heißen „Menschen zusammen zu bringen“? Nicht nur zu senden, nicht nur Programm für ein Publikum zu machen, sondern „Öffentlichkeit“ herzustellen, im ganz analogen Sinn des Schaffens von Räumen des gemeinsamen Nachdenkens zum Zwecke des Handelns. Nicht für das Publikum senden, sondern Publikum herstellen und Publikum sein zugleich.
Mit der Überlegung, dass wir ja einfach unser Publikum fragen könnten, gehen wir erst mal nach draußen.
Susanne Neuffer
Stilkritik
Hier sitze ich
mit dem Blick auf violette und silbrige
Steppjacken
die über den Stühlen hängen
sehe fahles Blond und Blusen
aus dem Hause Vintage & Vorbei
und die Bewegung (,) mit der der weiche Kuchen
eingeführt wird (werden)
Von einem anderen Standpunkt aus
sieht man meine Strähnen
meine reparierten Stiefel
und mein hinhaltendes Stochern
im Teig
Die Missgunst weht durch die Räume
wie
sagen wir: wie ein kalter Wind
und dabei waren wir doch alle
als vollkommen entworfen
Immer ist da jemand
der einen Maßstab anlegt
Ein Hund
den wir füttern und ausführen
würde uns vorbehaltlos
lieben

Renate Langgemach
1913, 1945, 1984, 2000, 2026
Wir reden über Sichtbarkeit wie die aufgescheuchten Hühner, weil wir sie verlieren oder nie hatten oder nicht mehr wissen, wie wir sie herstellen können. Andere können das. Sie haben ihre "Portale", machen mit einem Klick die Tür auf und werden gesehen mit ihrem Sprung in die Welt - nie sehen wir, wie sie ihn geübt haben, wie oft sie dabei gefallen sind, wie weh es getan hat. Wir sehen die Hochgeschminkte, die den ganzen Tag daran arbeitet für den einen Moment … was rede ich, ich habe keine Vorstellung von der Sichtbarkeit, denn in der Welt, in der ich lebe, bewohne ich nur einen winzigen Ort … Sichtbarkeit, gesehen werden, früher machte mir das Angst.
Bist du blind, könntest du denken, du seiest unsichtbar, du ahnst deine Sichtbarkeit, die Fülle dessen aber, was wir sehen, nicht sehen können, über das wir stolpern werden, ahnst du nicht. Sind wir denn nur da, wenn wir gesehen werden, wenn wir laut sind … andere schreiben einfach kleine Geschichten, ich ich sitze im gelben Hemd und Pullover und will über die Sichtbarkeit nachdenken, abwägen, welches Fass aufgeht … ich sehe ihn auf dem Bahnsteig stehen, er hat einen Hut auf und trägt einen Lodenmantel vom Versorgungsamt, er hat eine Aktentasche und es ist kurz nach zwei. Er sieht nicht, wer an ihm vorbeigeht, wer ihn anschaut, vielleicht hört er den Wind, spürt die Sonne auf seinen Schultern, hört den Verkehr auf der Straße, die unter den Gleisen entlang führt, er beugt sich, holt das Taschentuch aus seinem Mantel, und er weiß nicht, wer ihn sieht, wer ihn streift, er spürt es, er ist sichtbar, ausgeliefert, hat keine Kontrolle darüber, wie er gesehen wird, es entzieht sich seinen Möglichkeiten … gesehen werden, Himmel nochmal, bist du denn ein Niemand, wenn du nicht gesehen wirst, wenn deine Sichtbarkeit von riesigen Schaufenstern abhängt, hinter denen deine Ware platziert ist, von Schaufenstern, die über die ganze Welt reichen und an jedem Ort angeschaut werden können, dich sieht man nicht.
Wo ist das Geheimnis?
Okay, wir haben gehört, dass die Neue Sichtbarkeit im Vermarktungsgeschäft berücksichtigt sein muss und nur dann gilt, wenn man zumindest eine Reichweite von 22.500 Followern hat, die wissen wollen, wie du über dein Tun als SchriftstellerIn denkst, wie du deinen Frühstückstisch deckst, hinter deinen Zettelbergen versinkst. Unsichtbarkeit schützt. Nun ja, ich trinke keinen Kaffee, der beste Bäcker, der weiß, wie man seine Kunden anspricht, gut gelaunt, wach, das Schaufenster mit Brotduft unterfüttert, ist weit, das Obst liegt im Garten, ich sitze unter deinem Baum, mein Blick reicht bis zum Fluss hin, die Sonne breitet ihr Rot zwischen die Zweige, ich ziehe meine Jacke aus, mein Hemd, wann wirst du mich sehen?
Ich stoße den Mann an, der da auf dem Bahnsteig steht und nichts sehen kann, er lächelt, hakt sich ein und geht mit.
Buchtipp:
Petra Kluge, Mitglied im writers room und Maritas langjährige Schreibfreundin, hat einen Erzählband über ein einsames Kind in einer außergewöhnlichen Familie veröffentlicht:
Petra Kluge, bin ich schuld ich, Nerz Verlag 2026 ,
ISBN 987-3-910626-89-8

Termine:
5. Dezember um 17 Uhr:
Renate Langgemach liest LYRIK,
das Gartower Flötenensemble spielt Werke aus Barock und Moderne
im Schnacken und Schmökern
Am Schützenplatz 4, 29471 Gartow
6. Dezember um 18 Uhr:
Renate Langgemach liest aus ihrem Roman
SEPTEMBERMEER
im Schanzenstern, Hamburg Altona,
Kleine Rainstr. 24-26
Alle weiteren Termine schweben noch ein wenig im Ungefähren,
fest ist der
11. April 2027 um 15 Uhr
in Kapelle 6 (Hamburg Ohlsdorf)
mit dem kompletten Autorinnenquartett.

