Wir sind drei Autorinnen:

© Carmen Oberst
Marita Lamparter
schaut sich die Menschen genau an. Sie erzählt davon in Dorfgeschichten aus Westfalen und Stadtgeschichten aus Ottensen.

© Carmen Oberst
Renate Langgemach
kann in ihren Romanen einen Hang zu in Schieflage geratenen Verhältnissen nicht verbergen.

© Carmen Oberst
Susanne Neuffer
erzählt von Leuten, die sich und andere gern täuschen und meist unruhig unterwegs sind.

Falls jemand gedacht hat, es gäbe uns nicht mehr: Irrtum. Wir waren nur ein bisschen eingeschneit, anders beschäftigt (Körper und Seelen im Umbruch), in unsere Arbeit versunken oder einfach nur faul.
In unserer 15. Ausgabe von textX3.de geht es weiter mit der Frage, wer uns als Schreibende inspiriert hat oder noch inspiriert. Um wen kreisen wir, wer fasziniert uns? Dass da auch immer die große Falle
Plagiat aufklappt, versteht sich, also ist immerwährende Distanz geboten.
Auffällig: Die, von denen wir reden, sind alle tot. Und agieren umso lebendiger.

Marita Lamparter erzählt von ihrem Dauerclinch mit Virginia Woolf und davon, was ihre Clarissa mit Mrs. Dalloway zu tun hat (oder nicht).

Renate Langgemach schreibt einen Brief an Friederike Mayröcker, wo auch immer deren Jenseitsschreibtisch steht.

Susanne Neuffer hat sich anderswo zu Genazino und Sebald ausführlich geäußert und flüchtet nun zu Adalbert Stifter, der weniger inspiriert als produktiv nervt.

Dazu mussten wir natürlich unsere Dichterinnen-Schreibtische und Regale fotografieren, ganz old school.

Was gibt es Neues?

Renate Langgemachs Roman Septembermeer erscheint Mitte März in der Edition Contra-Bass, Marita Lamparter macht gerade ihr Buch mit dem Arbeitstitel Ihr Wahn ist mein Wahn … Literaten als Angehörige von psychisch kranken Familienmitgliedern geländegängiger, Susanne Neuffer war auf die Shortlist des Boccaccio-Preises für die beste Erzählung 2025 geraten und findet, dass das ein schwindelerregendes Gefühl war - im übrigen
hatte sie auf Ralf Rothmann gewettet.

Marita und Susanne treffen sich regelmäßig zum Duettschreiben und planen folglich Duettlesungen. Gemeinsam als Quartett mit Gudrun Hammer sieht und hört man uns am Mittwoch, den 18. März 2026 um 17.00 Uhr Uhr im Kulturraum der Haspa-Filiale in Fuhlsbüttel (siehe Termine). Da stellt Renate ihren neuen Roman Septembermeer vor und eilt dann in die Staatsbibliothek Hamburg zur Messe der unabhängigen Verlage, wo sie um 19 Uhr ein zweites Mal aus ihrem Roman liest.

Im Gästezimmer haben wir diesmal Bettina Rolfes einquartiert.

 

Marita Lamparter
Virginia und ich

War es das Foto, dieses schöne Gesicht, das in allen Frauenbuchhandlungen hing? Ihr Fleiß, ihre Bücher, ihre Krankheit. Diese wundervolle Bloomsbury-Gruppe?
Alles habe ich idealisiert und auf den Altar gehoben. Am meisten habe ich mich gefragt, wie diese zarte, zeitweise sehr kranke Frau dieses gigantische Werk geschaffen hat. Viele haben Angst vor Virginia Woolf und nähern sich ihr mit allergrößtem Respekt, haben Befürchtungen, nicht intelligent genug für ihre Ansprüche zu sein, auch ich bin jahrelang um sie herumgeschlichen.
Dann las ich Mrs. Dalloway und der Bann war gebrochen. Wer ein
Werk von Virginia Woolf liest ist verblüfft, wie nah, zeitgenössisch und zeitlos, ja wie modern sie schreibt und denkt. Gleichzeitig ist sie ausweichend, dunkel, lässt uns allein. Dass sie in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs lebte, hat mich zudem fasziniert.
Ihre Geschichte beginnt im viktorianischen London, die Rocksäume reichen bis auf den Boden. England ist Mittelpunkt eines Weltreiches, des Britischen Empire. Nach dem Ersten Weltkrieg ist alles anders, die Klassenunterschiede lassen sich nicht mehr leugnen, eine neue Kultur, neue Sprachen entstehen, Frauen erhalten Rechte, dürfen jetzt auch studieren (Virginia Woolf konnte, durfte es noch nicht). Der Bloomsburykreis war ihre intellektuelle Heimat und ein Ort des Austausches.
Zurück zu Mrs. Dalloway: Vor Jahren habe ich den Anfang des Buches kopiert, Clarissa von London nach Ottensen verfrachtet, ihren Weg zum Markt auf dem Spritzenplatz beschrieben. Sie bereitet ihr Gartenfest vor, macht letzte Besorgungen.
Peinlich, lächerlich? Na und.

Ein Text wie aus dem Kopierraum:
Mrs. Dalloway in Ottensen

Clarissa Dallenberg sagte, dass sie Blumen auf dem Markt in Ottensen kaufen wolle. Sie sagte das zu Tatjana, die rechtzeitig für das Säubern der Gartenmöbel und das Vorbereiten des Büfetts gekommen war. Tatjana lachte ihr heiter zu. Und dann dachte Clarissa Dallenberg, war für ein Tag, so herrlich sommerlich, wie geschaffen für einen Ausflug ins Freibad Finkenwerder. Wie oft hatte sie früher mit ihren Kindern so einen Ausflug unternommen.
Sie war gut gelaunt. Es fühlte sich leicht an, so wie früher im Wochenendhaus an der Schlei. In Arnis. Wenn sie die Terrassentür aufmachte und auf den Rasen lief. Die Luft herrlich frisch und feucht vom Morgentau, wie eine zarte Welle.
Sie war damals eine junge Frau von 18 Jahren. Und es war ein bedeutender Moment - das wusste sie aber erst später - als sie auf der Terrasse stand, sie schaute auf das frisch angelegte Blumenbeet, die Bäume atmeten den frühen Dunst aus, bis Peter Wildes etwas sagte. Er war als Freund ihres Bruders zu Gast, er studierte schon in Marburg, Philosophie und Politik, aber was hatte er bloß genau gesagt?
Peter, er würde in der nächsten Zeit nach Hamburg zurückkehren, vielleicht sogar schon im August, aus Singapur. Sie hatte vergessen, wann, sie würde sich bei Ingrid erkundigen müssen. Seine E-Mails waren schrecklich langweilig und fast zu geschäftsmäßig für seinen alten Freundeskreis. Keine richtige Freude für sie. Sein Gesichtsausdruck bei diesen Bemerkungen damals, das war es, woran sie sich erinnerte. Seine Augen, sein zögerndes Lächeln, seine Sturheit. Sie stoppte ein wenig am Bordstein, denn hier an der Kreuzung Arnoldstraße war der Verkehr unübersichtlich, er hatte in den letzten Jahren so sehr zugenommen, dass Clarissa Dallenberg froh war, nicht mehr hier zu wohnen. Gleich, ja, jetzt läuteten die Glocken der Christianskirche. Das Mittagsgeläut. Es teilte den Tag mit vollem Klang in zwei Hälften. Sie musste sich beeilen, warum tun wir uns das alles an, dachte sie, die Arnoldstraße überquerend. Warum leben wir so? Lieben die Menschen hier dieses ihr Leben? Mit den hektischen Autos, den schnaufenden Bussen, den fluchenden Radfahrern, den rempelnden Fußgängern, den schlecht gelaunten Kindern, dem nervösen Klingeln, der Gereiztheit in der Luft. Ist es überhaupt schön hier? Sie sah ein Flugzeug. Ja, sie liebte ihr Leben, diesen Sommeraugenblick.

Virginia Woolf revolutionierte die Literatur. Womit? Mit der formalen Erneuerung einer simultanen Darstellung von Gegenwart, Erinnerung, Realem, Imaginärem und Überblendungen. Der Roman Mrs. Dalloway spielt an einem einzigen Tag im Juni 1923, der Stundenschlag von Big Ben gibt den Takt vor.

Wie geht es weiter mit der Clarissa in Ottensen? 100 Jahre später? Auch sie trifft ihre alte Liebe, spricht mit ihren Freunden, denkt über ihr Leben und das ihrer Freunde nach, über die wichtigen Momente, bereitet ihr Sommerfest vor, bessert ihr Kleid aus, aber ihre Sprache ist, wie könnte es anders sein, nicht die gleiche wie die ihres Vorbildes. Am meisten haben mich neben dem Thema Zeit und Vergänglichkeit literarische Techniken wie Gedankensprünge der Figuren und das Unvorhergesehene bei Virginia Woolf inspiriert: Clarissa sieht ein Flugzeug und das Leben ist wieder schön. Wir verstehen sofort: Das Einfache im Komplizierten.

Noch ein kleiner Auszug:

Clarissa bog vom Platz, hier stand die bronzene Skulptur der schreitenden Frauen, sie schaute sie heute nicht an, sie bog auf die Ottenser Hauptstraße, vorbei am Copyshop mit den freundlichen türkischen Besitzern, wie oft hatten sie ihr beim Kopieren geholfen, sie versuchte noch einen Blick ins Innere zu werfen, aber alle schienen beschäftigt, sie ging weiter, vorbei an den alten Schaufenstern des Modehauses, sie könnte sich ein neues Kleid kaufen? Aber nein, Stefanie brauchte ja wieder Geld für einen Umzug, hoffentlich war es diesmal für längere Zeit. Clarissa trug ihre strahlenden orangenen Rosen, aber die Äpfel, hellgrün und frisch, wurden langsam schwer in ihrer Tasche. Da in dem kleinen spanischen Café, schnell einen Galao, es müsste reichen. Clarissa? Sie sah ihre Freundin Ingrid vor dem Café sitzen. So ein Zufall. Jetzt siehst du wirklich wie Mrs. Dalloway aus! ruft Ingrid. Weißt du noch, wie du uns damals mit Virginia Woolf genervt hast? Sie lacht, in jeder Sitzung hast du mit ihr angefangen.
Seitdem nennen mich alle Clarissa, sogar meine Mutter.

Renate Langgemach
Liebe Friederike Mayröcker,

es wird Sie erstaunen, dass ich Ihnen schreibe, ein paar Jahre nach Ihrem Tod, aber das ist ja das Gelungene am Dichterleben, dass Texte, Wörter, Empfindungen übrig bleiben und noch lange vom Leben des Schreibers, der Schreiberin zeugen, Gedanken überleben - und ich kann mich auch nach Ihrem Tod noch damit austauschen.

Gefragt danach, welcher Autor, welche Autorin mich am meisten beeinflusst haben, so sind Sie es: Immer wenn ich einen Roman schrieb, lag zumindest ein Buch von Ihnen auf meinem Arbeitstisch, eine beliebige Seite war aufgeschlagen, um verbunden zu sein mit Ihrer Sprache, der Art, wie Sie Wörter geschöpft haben und also mich indirekt oder wollend aufgefordert haben, ebenfalls Wörter zu erfinden, eine ein wenig schräg gebrochene Benennung für einen Zustand zum Beispiel, den winzigen Bruch zu erzeugen, der Spannung in die Sprache bringt. Bei mir ist es nie so phantastisch ausufernd geschehen wie bei Ihnen, immer aber gab es Anstöße aus Ihrem Wildwuchs an Wörtern - das Deutsche hat ja diese Fähigkeit in seinen Wortbildungen erfinderisch zu sein, man wird sogleich und umstandslos verstanden, wo in anderen Sprachen ganze Sätze zur Klärung der Situation herhalten müssen.

Natürlich fragen Sie jetzt nach Beispielen Das Buch, das am Anfang meiner Schreiberei auf meinem Schreibtisch lag, war Magische Blätter, dicht, ausufernd, nie ganz gelesen, anregend. Dieses Buch aufzuschlagen gehörte zu den Ritualen der Schreibphasen meiner ersten Romane.
Dann kamen einfachere Kaliber, études, cahier, fleurs, auch diese Trilogie voll mit Wortgestammel, Wortfetzen, Satzfetzen, die mich weitertrieben - eine Art von Tagebuch gespickt mit Ereignissen, Begegnungen und Gedankengebäuden, wie ich es heute noch führe. Greife ich zu hoch? Nee. Dafür sind Ihre Werke ja da, dass man hoch greifen muss.

 

… aufgeschlagen ist das Buch von Herlinde Koelbl Im Schreiben Zu Haus mit Interviews und Fotos von Schriftstellern und Schriftstellerinnen, München 1998

Etwas, das über das Schreiben und über die Bewunderung Ihrer Sprache hinausgeht, ist Ihre Lebensweise, zumindest das, was davon nach außen drang und vielleicht auch so gepflegt wurde: Ihre komplette Verzettelung, Ihre Zettelberge in Körben und Kartons, die Sammlung all Ihrer großen und unbedeutenden Notizen für den Fall, dass sie einmal gebraucht werden könnten, wer kennt nicht die Bilder ihrer Zettelhöhle ohne Übersicht.
Wenn aber etwas gesucht wurde, haben Sie an einer Stelle der Stapel gezogen und das Wort, der Satz, der Ihnen entgegen fiel, war der Ansatz für das Nächste.
Gut also, ad eins von Zetteln mit Notizen und Wortgefechten umgeben. Ad zwei erzählten Sie, dass Sie in der Morgendämmerung schrieben, nicht nachts, wie Natascha Wodin zum Beispiel, aber morgens, zwischen Tag und Traum, wo die besten Ideen aus dem Halbschlaf in das Gedachte aufbrechen, fingen Sie auf, was da kam, vielleicht im Morgenrock, ungekämmt, den Rest weiß ich nicht. Das Besondere aber war in dieser Zeit zu schreiben mit Bildern, die noch in Traumfetzen hängen und die Kontrollzentren des Hirns umgehen.
Ad drei. Wenn das getan war: Sich in den Tag hineinschaffen - dass der Mann, der OTTOS MOPS trotzte, gleich gegenüber auf der Etage wohnte, war sicher nicht unbedeutend dabei - dann gegen sechzehn Uhr ins Wiener Café gehen und bei Sachertorte alles … aufgeschlagen ist das Buch von Herlinde Koelbl Im Schreiben Zu Haus
mit Interviews und Fotos von Schriftstellern und Schriftstellerinnen, München 1998 ausklingen lassen, ein Lebens-Wunder, dem meine Sehnsucht folgt. Zettelunordnung schaffe ich schon, Zettelabschriften, aus denen ich schöpfe, auch, die Morgenzeit zwischen Wach und Traum nutze ich selten, dieses sich über jede herkömmliche Ordnung fürs Schreiben Hinwegsetzen ist mir nicht gelungen - aber phasenweise. Das Wiener Café am Nachmittag bleibt für mich unerreichbar - immerhin habe ich mein Literatur-Café im Wendland um die Ecke.

Ob mein Traum vom Schriftstellerinnenwesen, vom Erschaffen ohne äußere Hemmnisse in überbordendem Wortgewirr, so meine Vorstellung, wenn ich an Sie denke, nun wahr ist oder dahergesucht, ich danke Ihnen dafür - und wenn ich Glück habe, komme ich Ihnen noch ein Stück näher.

Übrigens hatte ich einen guten Bekannten, der wunderbare Gemische aus Kunst und Literatur herausgab, Almanache mit Text und Künstler-Originalen, Sie waren Teil davon und ich auch - zweimal habe ich fast neben Ihnen gestanden, nur auf Papier, bien sûr, aber neben Ihnen.

 

Susanne Neuffer
Weiße Wäsche

Stifter lesen ist wie Serie gucken. Ein Sog entsteht und gleichzeitig macht sich Irritation breit. Ein Übermaß an Detailfreude, schematische Handlungsverläufe, eine behäbige Sprache, die punktuell experimentell, zeitgenössisch daherkommt, dazu Ordnungswahn und erotische Verklemmtheit, die ihren Ausdruck in ganz viel weißer Wäsche sucht, zu viele Räume, schwerfällige Dialoge: da schreibt einer am Abgrund. Irgendwann reicht es, aber es reicht eben auch für eine flüchtige Inspiration:

Brigitte, Protagonistin meines neuen Erzählprojekts, ist eine Nebenfigur aus der Novelle Sandstein (2022). Dort hatte sie zu wenig Raum und Eigenleben bekommen, jetzt tritt sie knisternd aus dem Papier, begibt sich auf eine Reise zu alten Freunden, die in der Eifel eine Ausstellung veranstalten – mit dem Titel „Die Gärten der Ordnung“. Die Freunde raten zu einer vorbereitenden Stifter-Lektüre…

Was für eine Idee: Stifter lesen als Voraussetzung für einen sinnvollen (erfolgreichen?) Ausstellungsbesuch. Bei dem Namen Adalbert Stifter steigt eine sandgraue Düne im Kopf auf, da war etwas zu lang, zu behäbig, Kinder im Schnee, und später vergebliche Versuche mit Geschichten, in denen nichts geschah, in denen es nur eine Menge Deko zu geben schien. Deko in Häusern, Dekor draußen, Natur in schwachen Farben, wie durch einen Filter gesehen. Sie hat diese Geschichten auch gar nicht selbst gelesen, aber sie war einst in einen Germanistikstudenten (Jakob) verliebt und folgte ihm eine Zeitlang in eine Vorlesungsreihe über österreichische Literatur. Einmal war ein Gastdozent aus England da, er sprach über Unglück und in Dingen geronnene Traurigkeit, wirkte, als spräche er über etwas Eigenes. Sie war dann ratlos zu ihren Pflichtveranstaltungen in Sachen Statistik und Theorie der Sozialarbeit zurückgekehrt.
Sie wird jetzt nichts lesen, sie wird die Dinge (ja, es war immer um Dinge gegangen) auf sich wirken lassen.

In Majas und Wolframs Garten, der für ein Wochenende „Gärten der Ordnung“ heißt, gibt es viele Durchgänge, sie erscheinen wie hinzugefügt, nicht unbedingt nötig, metallische Gitter, Bögen, Spaliere, auffallend viele Gitter. Über den Gittern hängen weiße Wäschestücke. Brigitte ist eine zuverlässige Museumsbesucherin, sie streift an Samstagen, wenn andere Leute einkaufen, durch Kunsthallen, vorzugsweise da, wo es Installationen gibt, und setzt sich gerne einer gewissen Sinnlosigkeit aus. Sie würde das Wort „Sinnlosigkeit“ hier unter Majas und Wolframs künstlerischen Freunden nicht aussprechen, sie weiß, dass die Grenze zum Banausentum schnell überschritten ist und dann das vergebliche Erklären und Rechtfertigen beginnt.
Also macht es nichts, dass hier weiße Wäschestücke auf den Gittern hängen, einzelne lange Strümpfe, Nachthemden einer anderen Zeit, auch etwas, das wohl Leibchen heißt.
Wolfram führt durch den Garten, er sieht so stolz aus, als habe er die Teile eigenhändig gewaschen und gebügelt, und Brigitte wagt die Frage, wie sie denn die Teile so weiß gekriegt hätten. Und bekommt ein Bleichrezept geliefert, das unter einem ökologischen Aspekt strafwürdig klingt, aber in der Vorgangsbeschreibung auf einer Wiese endet. Es gibt dazu noch ein paar literarisch klingende Textstellen, die Wolfram auf schmale Papierstreifen geschrieben hat und nach dem Verlesen mit Wäscheklammern sorgfältig neben den Textilien befestigt.
Brigitte verkneift sich die Frage, warum auf der Wäsche keine Grasflecken sind, überhaupt sollte sie Fragen wohl gut durchdenken oder gar nicht stellen. Sie geht als Fremde durch eine Welt, die mit weißer Wäsche und mitleidlos ausgesetzten alten Küchengeräten bestückt ist.
Es gibt gleich einen Vortrag, meint Wolfram, sie solle sich einen guten Platz in der Mitte des Gartens sichern, wo alle Stühle aus Haus und Ateliers aufgestellt sind, ein ehrwürdiger höfisch wirkender Kreis aus rotem Plüsch und altem Holz, Organspende eines aufgelösten Kinos.
Ein anmutig wilder Zausel hält einen Papierstapel in der Hand, zwei junge Frauen in weißen(!) Kleidern bauen an einem Instrument, das als DIE GROSSE SÄGE angekündigt wird: ein Draht ist quer über den Rasen gespant, ein großes Metallblatt mit Zähnen wird darunter hin und her getragen und erzeugt bei jeder Berührung
eine schmerzhafte Musik.
Der Zausel mit den wunderbar blauen Augen hat nun angefangen, aus seinen Blättern vorzulesen. Überraschender Weise geht es um Thomas Mann und die Rolle, die sichtbare Unterarme in seinen Texten spielen, schmale weiße unbedeckte Unterarme. Brigitte fühlt sich bestätigt in ihrer Entscheidung, zur Vorbereitung dieses Besuchs nichts von Stifter gelesen zu haben, wenn es dann doch nur um Thomas Mann und seine Unterarme geht, von denen es wohl viele im Werk gibt. Der Bezug zu den Unterarmen bei Stifter, die im allgemeinen von weiß unter dunkelgrauen Ärmeln hervorlugender Wäsche markiert seien, wird jedoch sofort hergestellt: gut vorbereitete Frauen im Publikum stehen auf und zitieren aus ihren Notizbüchern, was wohl mit dem Zausel abgesprochen ist, denn er lächelt zufrieden, auch an Brigitte erprobt er seine schönen Augen. Und die Geige schrillt und weint.
Im übrigen ist es angenehm hier, auf dem Gartenstuhl, ein Glas Apfelwein in der Hand, mit dem Blick aufs Kuchenbüffet, Brigitte ist umgeben von Menschen, die zu wissen scheinen, welches Konzept hier verhandelt wird. Die Versammlung strahlt etwas Lässiges, keinesfalls Dringliches aus: Kunst am Wochenende, unter Einverstandenen und Kundigen, die das, was geschieht, einen Moment lang angemessen ernst nehmen, um sich dann bereitwillig, freundlich, im Käsekuchen stochernd, einer anderen Herausforderung zuzuwenden.

Termine:

14. März, 17 Uhr
GARTOWER FRAUEN ERZÄHLEN
Im vergangenen Jahr haben Silke Goes (Fotos) und Renate Langgemach (Texte) elf Gartower Frauen interviewt, fotografiert und ihre Geschichten aufgeschrieben:
Stimmen zum Leben in einer kleinen Gemeinde

am Samstag, den 14. Februar um 17 Uhr
lesen wir noch einmal Auszüge aus den Interviews und sprechen über das Leben in Gartow im Schnacken und Schmökern im Hahnenberger, Am Schützenplatz 4, 29471 Gartow

18. März, 17 Uhr
ZIEMLICH SCHÖNE LITERATUR
liest das Hamburger Autorinnenquartett
Gudrun Hammer, Marita Lamparter,
Renate Langgemach (aus SEPTEMBERMEER)
und Susanne Neuffer

am Mittwoch, den 18. März um 17.00 Uhr
in der Haspa-Filiale Erdkampsweg 26,
22335 Hamburg.
Anmeldung möglich unter haspa-veranstaltungen.de

18. März, 19 Uhr
Renate Langgemach liest
aus ihrem gerade erschienen Roman
SEPTEMBERMEER

am Mittwoch den 18. März um 19 Uhr
zusammen mit Wolf Reuter und Astrid Schmeda
im Veranstaltungsraum
der Hamburger Staatsbibliothek
Von Melle Park 3

17. April, 19 Uhr
MUSIK UND LESUNG mit Marita Lamparter
„Ich bin eine arme Verwandte...“
Gesang: Constanze Heller
Klavier: Friederike Gerpheide
Lesung: Marita Lamparter

am Freitag den 17. April um 19 Uhr
Alfred-Schnittke-Akademie
Max-Brauer- Brauer-Allee 24, 22765 Hamburg
kontakt[at]schnittke-akademie.de
Eintritt: 15€ ermäßigt: 12€

8. Mai, 18 Uhr
DUETTLESUNG mit Susanne Neuffer und Marita Lamparter:
Ich schreibe, was du nicht siehst…..
Ein Thema – Zwei Texte

am Freitag, den 8.Mai um 18 Uhr
Die Bedürfnisanstalt
Bleickenallee 26a / Ecke Hohenzollernring
22763 Hamburg
https://www.diebeduerfnisanstalt.de
Im Rahmen der Kunstaustellung von Katrin Stender
vom 4.- bis 15. Mai
www.katrin-stender.de

 

Im Gästezimmer – diesmal mit Bettina Rolfes

Wir haben uns zum Interview mit Bettina Rolfes diesmal im
„Gästezimmer“ in Ottensen verabredet. In dem für unseren
Blog typischen Ambiente (Kaffee, Tee, was Leckeres zu
essen und ein bisschen Klönen über den Literaturbetrieb)
wird zuerst geklärt, woher wir uns kennen: von literarischen
Geburtstagsrunden und von einem tief in der Vergangenheit
liegenden Treffen im obersten Stock in der Schlüterstraße.
Manche von uns gibt es noch, manche schreiben noch.
Ein 'ordentliches' Interview wird es nicht werden, da keines
unserer Endgeräte etwas aufzeichnen möchte. Also
entwickelt sich ein Gespräch.

 

Ihr neues Buch: Patchouli
Bettina Rolfes hat 2025 den Sprung zum BoD (Book on Demand) gewagt: „Jetzt muss das Buch raus! Es soll nicht in einer Schublade oder auf einem Schreibtisch versauern!“ Sie hat sich in der Bundesakademie Wolfenbüttel über das Verfahren mit all seinen Vor- und Nachteilen kundig gemacht. Übrigens war ihr erstes Buch, ein Lyrikband, vor vielen Jahren auch ein „Selbstgemachtes“. Es war ihr wichtig, dass das Buch existiert, auch wenn es immer noch Veranstalter und Buchhandlungen gibt, die über BoD die Nase rümpfen.

Als alles allen gehörte und jede nur sich selbst
Ist der Untertitel ironisch gemeint? Nur zum Teil, sagt die Autorin. Es ging ihr tatsächlich darum, etwas von dem Lebensgefühl jener Zeit zu vermitteln: „Großmutter erzählt von
früher“, sagt sie lachend.
Politische Ambitionen, sexuelle Freiheit, Offenheit für Experimente: Ausgangspunkt des Buches ist die gleichnamige Erzählung in der Rowohlt-Anthologie „Opa kriegt nichts mehr zu trinken! Neue Weihnachtsgeschichten mit der buckligen Verwandtschaft“ von 2014. Sie ist dann chronologisch vorgegangen, Tagebücher von damals haben geholfen, die Erinnerungen wieder heraufzuholen. Autobiografisch? Eher nein, aber die eigene Biografie hat schon einiges hergeben. Es kam trotzdem zu Rückmeldungen von Menschen, die sich im Buch wiederzuentdecken glaubten: „Aber habe doch nie….! Ich war doch nie….!“

Wie erzählt man eine erotisch interessierte Picara?
Thea, die Hauptfigur, trägt Züge einer Picara (=Schelmin). Sie zeigtkeine großen Veränderungen und Entwicklungen. In naiver Unschuld geht sie durch die Jahre, von Abenteuer zu Abenteuer, durch Projekte und WG-Betten. Sie bleibt wie sie ist. Mit einer ähnlichen Haltung haben sich in diesen Jahren oft junge Frauen in der Szene bewegt. Der Weg der Frauen hin zur Frauenbewegung? Emanzipation kam später.
„Es ist vielleicht eher eine Geschichte des Hauses“, meint die Autorin. Voller Hoffnungen zieht Thea in die bröckelnde Villa, die am Schluss abgerissen wird. Symbol für Ende und Scheitern der Bewegung? Was ist
geblieben?
Zur erotischen Entdeckerfreude der Protagonistin und der (schwierigen) Aufgabe, Sex literarisch darzustellen, zitiert sie ein Bonmot: Erotik ist ein Hinweis, Porno ist Eiweiß. „ Aber man muss natürlich den Mut haben, sich endlos zu blamieren“, sagt sie „und sich schon trauen, sich das Hemd aufzureißen.“ Ihr Kriterium: Macht es mich beim Lesen und Schreiben an? (Die Gesprächspartnerinnen hören es aufmerksam und staunen!)

Anfänge
Bettina Rolfes und ihr Schreiben kommen aus der Frauenbewegung. In Dortmund gerät sie in den Arbeitskreis „Frauen schreiben“, dort entstehen Bücher zu Themen wie weibliche Aggression und Liebe. Gemeinsame Lesereisen, auch zur Frauenbuchhandlung in der Bismarckstraße in Hamburg werden unternommen. So wie die Autorin beim Erzählen dabei strahlt, schien das viel Spaß gemacht zu haben. Selbstbewusstsein und Schreibfreude wachsen.
Es folgt eine kleine Diskussion über die Frage, was sich durch die Frauenbewegung („Gibt es die noch?“) geändert hat, wie es den jungen Frauen heute geht ... ein anderes Mal mehr.

Übers Schreiben
„Während des Medizinstudiums habe ich entschieden: Ich werde Schriftstellerin.“ Zunächst Lyrik, heute schreibt sie keine Gedichte mehr. Sarah Kirsch war eine ihrer Inspirationsquellen. Und der große Rolf Dieter Brinkmann, der damals viele Türen eingerissen und geöffnet hat. Zu ihrer Arbeitsweise befragt, erzählt sie von der feministischen Tragebeutel-Theorie von Ursula K. LeGuin:
Rechts und links vom Wegesrand werden Themen, Figuren, Fragen, Gespräche von den Sammlerinnen aufgegriffen und später am Schreibtisch wieder ausgepackt. Der Held mit dem Speer, der den Mammut erlegen muss, hat ausgedient.

Unterwegs vom Dorf in die Welt
Wie viele Landeier möchte sie Welt sehen, raus, immer nur raus:
Reisen werden unternommen, große Reisen in der Gruppe, zu zweit oder entschlossen allein (2013/14 durch Asien), die Mexikoreise kommt auch im Roman vor. Bettina zeigt uns Fotos: Bettina im Garten, im Grünen. „Ohne meinen Schrebergarten könnte ich es in der Großstadt nicht aushalten.“ Sie hat eine köstliche Marmelade aus Jostabeeren mitgebracht, selbstgepflückt und selbstgemacht.
Aber auch in den Genres ist sie unterwegs. Eine Weile schreibt Bettina Rolfes Drehbücher, sie hat es gelernt im Aufbaustudium Film in Hamburg bei Hark Bohm. Was lernt man daraus? Dass alle mitreden wollen und hinterher etwas ganz anderes herauskommt - wenn es denn umgesetzt wird. Ihre Drehbücher werden gekauft, aber nicht realisiert und so trauert sie einer Drehbuchidee zum Thema Pflegedienste immer noch ein bisschen nach.

Mit Eigensinn
Wovon lebt man, wenn man Medizin studiert, das Physikum geschafft und dann die eigene Existenz aufs Schreiben gesetzt hat? Von Studentenjobs, Arbeit in Bildagenturen, Kreativem Schreiben, Integrationskursen. Wir reden eine Weile über das Phänomen der weiblichen Zickzack-Karrieren, im Nachhinein schimmern die Themen immer wieder durch: Bildung, Schreiben, Film.
Und natürlich schreibt sie immer weiter. Demnächst erscheint in der Anthologie „Wann nehmt ihr sie zurück? Die schönsten Reisen mit den Enkeln“ (Rowohlt) eine Erzählung: Nacktschnecken und grüne Haare (die hatte die Autorin selbst mal, als sie ein Drehbuch verkaufen wollte).

Schreiben wozu?
„Um mich auszudrücken“, sagt sie knapp. Und schiebt hinterher: Man schreibt, um sich der Spannungen zu entledigen, es geht manchmal auch ums Heilen, ums Versöhnen. Und das alles mit Eigensinn.

Zurück ins Dorf:
Eine Lesung am 22. März 2026 um 16 Uhr in ihrem Geburtsort Steinfeld:
Kleine Steinfelder Galerie, Zum Uhlenmoor 3, 49439 Steinfeld